Sonnabend 8.5.54

Wieder hinauf zur F[erme] R[oques] H[autes]. Doch auf dem Weg taten es mir die Oliven an und ich blieb hängen.

Dieses Oliven-Bild ist auf den 8. Mai 1954 datiert.
Dieses Oliven-Bild ist auf den 8. Mai 1954 datiert.

Heute ist Feiertag, Fête de la liberation. Ämter u[nd] Schulen sind geschlossen, also kein so lang erwarteter Brief vor Montag zu bekommen. Wie oft am Tag denke ich an Euch beide daheim. –

Schulen kamen vorbeigezogen. Am Schluß einer ging ein Jesuitenpater und hielt die Bande zusammen. Am Abend noch zur F[erme] R[oques] H[autes] u[nd] ein Aquarell f[ür] Mr. Arquier fertiggemalt, nach seinem Geschmack.

Auch dieses Bild ist auf den 8. Mai 1954 datiert; ob es dasjenige ist, das im Text angesprochen wird, ist jedoch unklar.
Auch dieses Bild ist auf den 8. Mai 1954 datiert; ob es dasjenige ist, das im Text angesprochen wird, ist jedoch unklar.

Am Abend bei Arquier Deutsche Sendung gehört. Als ich wieder in mein Zelt kroch, stellte ich fest, daß die Hunde Miqué u[nd] Miro mir Brot, Fett u[nd] Käse restlos herausgeholt hatten. Trotz heißer Tage sind die Nächte kalt.


Freitag 7.5.54

Von Früh bis Abend an der Ferme Roques Haute gemalt. Nachmittags vom Mistral Staffelei glatt weggeweht. Die Ferme ist verlassen u[nd] verfällt. Das wäre ein Platz für einen Maler. Ich könnte hier Monate lang leben. Tiefe Einsamkeit, nur der Feldpächter, ein netter schlichter Mensch, kommt mit seinem Moto heraufgefahren und unterhält sich ab u[nd] zu mit mir.


Donnerstag, 6.5.54

Immer noch Mistral. Gar nicht wohl, am liebsten wäre ich liegen geblieben. Ich malte Oliven. Und suche nun neue Ausdrucksmöglichkeiten, nachdem ich mich erst einmal eingelebt habe.

Am Nachmittags mit Arquiers in Aix. Ausstellung besucht. Aquarellpreise 10–2000 frs. für realistische Gebrauchsware. Im Kaufhaus eingekauft. Studien auf der Hauptstraße gemacht. Abends mit Mr. Arquier Erkundungsfahrt nach Roques Haute. Dann hundemüde zu Bett.


Mittwoch 5.5.54

Immer noch fegt der Mistral u[nd] langsam spüre ich ihn, eine seltsame Benommenheit, manchmal will der Kopf platzen.

Das Bild trägt den Titel "Mistral" und stammt von 1954. Es fehlt jedoch ein Tagesdatum.
Das Bild trägt den Titel „Mistral“ und stammt von 1954. Es fehlt jedoch ein Tagesdatum.

Ich fuhr Richtung St. Antonin. Ich mußte beim Malen Bild u[nd] Staffellei festhalten. Ein heftiger Stoß u[nd] alles wirbelt davon.

Das Bild ist auf den 6.5.54 datiert, aber da es laut Titel St. Antonin zeigt, könnte es sich um das betreffende Stück handeln.
Das Bild ist auf den 6.5.54 datiert, aber da es laut Titel St. Antonin zeigt, könnte es sich um das betreffende Stück handeln.

Um 5 Uhr hungrig zurück. Müde u[nd] kaputt. Früh schlafen.


Dienstag, d. 4.5.54

Eine saukalte Nacht mit Sturm u[nd] Regen ist vorüber. Immer noch Mistral. Ich wasche mich warm im Kückenstall u[nd] bin ungeniert. Eine Wohltat. Wechselnd Regen Sonnenschein. Später fahre ich bis über Bayeux Richtung Antonine u[nd] male. Einmal muß ich wegen Regen unterbrechen u[nd] muß einen Guß über mich ergehen lassen. Etwas verspätet u[nd] durchfroren komme ich zurück. Werde zum Mittagessen eingeladen. Unmöglich, abzuschlagen. Suppe, dann Fleisch m[it] Kartoffeln u[nd] Weißbrot, Brot und Käse, dann Kaffee und kleine Krapfen. Ich kann schon immer besser der allgemeinen Unterhaltung folgen u[nd] habe gar nicht mehr das anfänglich so befremdliche Gefühl einer Isolation. Sehr nett ist auch der junge Knecht Michel, ein Marseiller, mit Sinn für moderne Malerei, excepté Picasso, er ist ihm zu hoch.

Augenblicklich sind die Gemüter bewegt über Indochina u[nd] man findet, man solle dort so schnell wie möglich Schluß machen. Die Bordeauxerin erzählt, daß am Sonntag in Marseille ein Schiff Freiwilliger nach Indochina ab. Meist arbeitslose Jugend. Formitable. Warum sollte es nicht möglich sein, in der ganzen Welt zu entwaffnen u[nd] für alle friedliche Arbeit zu finden. Das fr[an]z[ösische] einfache Volk liebt den Frieden, u[nd] ich habe bisher keinen Chauvinismus finden können, der sicher mehr in den Städten u[nd] in besonderen Schichten zu Hause ist. –

Der Regen strömt aufs Zelt u[nd] ein Gewitter entlädt sich. Also Zeit und Gelegenheit, ein Kind der Bordeauxer zu zeichnen. Die Unterhaltung geht um den Krieg und um persönliche Dinge, in denen sich der einfache Franzose offen gibt. Irgendwie kommen wir dazu, daß ich sage: j’aime mon travail, un peu de tabac, du vin, du caffé et plutôt ma femme1.

Abends ruft mich Michel heraus u[nd] zeigt St. Victoire in Gewitterstimmung mit Abendsonne u[nd] Regenbogen. Eine bei uns unmögliche Intensität der Farbe und Beleuchtung. Früh ins Zelt, es regnet weiter. Übrigens ist der alte Georg abgehauen, der Montgasse. Er wird wiederkommen, wenn der Winter kommt u[nd] sich bis zum nächsten Frühling durchschlagen.


  1. „Ich liebe meine Arbeit, ein wenig Tabak, Wein, Kaffee und besonders meine Frau.“ ↩

Montag, d[er] 3.5.54

Der Mistral weht kalt. Man muß ihn u[nd] den Einfluß auf die Menschen kennen gelernt haben. Zwischendurch Regenschauer, unmöglich, draußen zu arbeiten. Ich stopfe Strümpfe im Zelt u[nd] lerne dabei fr[an]z[ösisch]. Dann fahre ich zum ersten Mal seit meiner Ankunft hier mit dem Motorrad zur nächsten Alimentation nach Bayeux, um einige Lebensmittel zu besorgen.

Nach Mittag hellt es auf, stürmt aber noch heftig. Ich gehe los, muß vorher noch Kaffee trinken. Beim Malen weht es mir ein paar Mal die Staffelei um, ich muß den Rahmen anbinden.

Gegen Abend setzt starker Regen ein. Ich bin durch u[nd] durch kalt u[nd] wärme mich zunächst bei den Leuten aus Bordeaux. Sie ist köstlich u[nd] hat, wenn ihr etwas gefällt, eine temperamentvolle Art, 2 Finger an den Mund zu führen. Sie ist der Typ einer Französin aus dem Volk, erzählt lebhaft und ich lerne viel von ihr. Z.Z. unterrichtet sie ihre Älteste von bald 7 Jahren selbst u[nd] macht es gut.

Was die Kindererziehung betrifft, so bin ich bei Arquier’s erstaunt, mit welcher Strenge und Exaktheit es zugeht. Widerspruch wird in keiner Weise geduldet u[nd] jede Anordnung muß sofort u[nd] prompt ausgeführt werden. Die Kinder haben einen Heidenrespekt vorm Vater u[nd] auch die Großmutter in ihrer fast deutschen herben Art, sie ist Matrone u[nd] sehr reserviert, ist sehr energisch.

Man liebt die Kinder überaus. Der Kosename für die Jüngsten ist Coco. Am Abend nach dem Abendbrot noch bei Arquier gewärmt u[nd] Zeitung gelesen. Fand Artikel über Vlaminck u[nd] Picasso. Zeigte auf Wunsch meine Aquarelle u[nd] Mr. Arquier meint, meine Farben würden noch anders, wenn erst einmal besseres Wetter wird. Er findet noch zu deutsch.


Sonntag 2.5.54

Wieder wolkenloser Himmel. Ihr liegt jetzt um 6 Uhr sicher noch zu Haus in den Federn. Ich sehe alles vor mir. Mais je n’ai pas du temps à rêver, je dois aller peindre1.

Über die Felsen zur Pont de Bayeux, auf der Landstraße zurück mit 2 Aquarellen.

Mr. Arquier lädt mich zum Mittagessen ein. Vorspeise Wurst mit Brot u[nd] Butter, dazu Wein. Dann eine Käsetunke, sehr würzig, in die Weißbrot getunkt wird. Alles taucht in denselben Topf, der dauernd warmgehalten wird. Wer einen Brocken verliert, zahlt einen lt. Wein. Man füge sich der ländl[ichen] Sitte u[nd] lernt dabei mehr als beim Reisen von Hotel zu Hotel.

Ich lade Jean-Pierre für das nächste Jahr zu uns ein. Es wird angenommen mit der Bedingung, daß eines der unseren nach Vallbrillant kommt. Nous changerons les enfants à Straßbourg. Dann wieder obligatorisch Kaffee. Besichtigung meiner bisherigen Arbeiten. Man kennt Picasso u[nd] die anderen Modernen Franzosen, hier besonders Cezanne. Ruth’s Photo wurde bewundert u[nd] ich war stolz.

Am Abend nach dem 3. Aquarell hundemüde.

Das Bild trägt den Titel „Domaine Valbrillant, St. Victoire“ und ist auf den 2.5.54 datiert.
Das Bild trägt den Titel „Domaine Valbrillant, St. Victoire“ und ist auf den 2.5.54 datiert.

Jetzt regnet es wieder tüchtig, dazu das Quaken der Frösche. Sonst ist um diese Zeit hier der Himmel blau u[nd] ohne Wolken.


  1. „Aber ich habe keine Zeit zum Träumen, ich muß malen gehen.“ ↩

Sonnabend, 1. Mai 54

Ganz früh bei Sonnenschein fort, Richtung Gardane bis zur Fabrik. An der Bergwerkhalde einen Platz zum Malen gefunden. Dann nach Meyreuil zur Information, von da durch Weinberge zurück, da war es Mittag.

Ein auf den 1. Mai 1954 datiertes Aquarell ist erhalten.
Ein auf den 1. Mai 1954 datiertes Aquarell ist erhalten.

Habe ganz vergessen, daß es Feiertag ist, u[nd] denke an Ruth, die heute auch die Werkstatt zu hat u[nd] wahrscheinlich doch arbeitet, damit ich hier sitzen kann. Da kommt über mich die Sehnsucht, bei Euch zu sein. Am Nachmittag bei der Arbeiterfamilie Kaffee getrunken. Von Frau u[nd] Kind erzählt, Photo gezeigt. Ruth: Comme belle! un peu le type français1.

Die Menschen sind in ihrer Freude so viel unbeschwerter. Über allem Tun liegt ein laisser faire, laisser vivre. Man trinkt starken Kaffee, nur ein kleines Tässchen, und erinnert sich an deutschen Malzkaffee, dabei sich schüttelnd. Ich male St. Victoire. Die Familie kommt vorbei. Sie mit Zeichenblock, angeregt, will auch Landschaft zeichnen. Daheim sitzt sie dann eifrig beim Vollenden, er amüsiert, sie ganz bei der Sache.

Valbrillant, 1.5.54
Valbrillant, 1.5.54

Familie Arquier war zu einer Einladung am Nachmittag in Aix. Am Abend kommt der alte Knecht zu mir, eine Type, die ich unbedingt malen muß, zum Schaudern. War 10 Jahre Fremdenlegionär, aus Monaco. Bittet mich dann um einen Becher Wein. Wir sind, sagt er, nun Freunde u[nd] Sie können sich auf meine Treue und Ehrlichkeit verlassen. Ich schlafe wie Sie, par terre auf Stroh hinter einem Verschlag in einer Art Stall, aber ich bin alt und zufrieden, der Patron ist gut, ich habe mein Essen u[nd] meine Arbeit.

Früh schlafen. Es fängt an, etwas zu regnen.


  1. „Wie schön! Ein bißchen der französische Typ.“ ↩

Freitag 30.4.54

Die ganze Nacht hat es geregnet. Zum Einschlafen sang mir eine Nachtigall gleich neben dem Zelt. Heute morgen strömt ein Landregen hernieder. Es ist so kühl, daß ich mich wieder nördlich warm anziehe und mit Behagen heißen Tee schlürfe. Wahrscheinlich wieder ein verlorener Tag.

Preise:

  • Kartoffeln alt. 5 kg frcs 150,- 80 frcs = 1 Mark
  • Margarine 250 gr. frcs 65,-
  • Butter 125 gr. frcs 75,-
  • Fadennudeln 500 gr. frcs 60,-

Habe am späten Vormittag den Hof gemalt, es wurde besser.

Das Bild zeigt die Domaine, es ist aber unsicher, ob es sich um das im Text genannte Aquarell handelt.
Das Bild zeigt die Domaine, es ist aber unsicher, ob es sich um das im Text genannte Aquarell handelt.
Eine weitere kleine Farbskizze des Tors, allerdings ebenfalls undatiert.
Eine weitere kleine Farbskizze des Tors, allerdings ebenfalls undatiert.
Und hier noch eine Skizze, etwa vom selben Standpunkt aus.
Und hier noch eine Skizze, etwa vom selben Standpunkt aus.

Am Nachmittag als Auftrag einen Blick auf Valbrillant mit Türen für einen hier wohnenden Arbeiter u[nd] seine Frau aus Bordeaux. Er war während des Krieges als (Zwangs)Arbeiter in Wien u[nd] Odessa. Sie Schneiderin. Er verdient am Tag 1000 frcs. in einer Zündholzfabrik in Aix. Haben zwei Kinder. Typ[isch] fr[an]z[ösisches] temperam[ent]. Sehr entgegenkommend u[nd] liebenswürdig, sie bemüht, mein fr[an]z[ösisch] zu verbessern. Abend wieder sehr schön vorm Zelt. Vogelgesang.


Donnerstag 29.4.54

Um 6 Uhr bei Sonnenschein zum malen. Nach Frühstück angefangen zu regnen. St. Victoire steckt in Wolken, ein schlechtes Zeichen.

Der Blick vom Garten der Domaine auf die Sainte-Victoire (Foto von 2014).
Der Blick vom Garten der Domaine auf die Sainte-Victoire (Foto von 2014).

Es blieb den ganzen Tag trüb u[nd] regnerisch, für diese Jahreszeit hier ungewöhnlich wie man mir sagt. Wenn es nicht gerade regnet, ging ich auf Suche nach Malplätzen, um die Zeit zu nutzen. Besichtigte mit M. Arquier (domaine de Valbrillant, Meyreuil B.d.R.) die Hühnerfarm u[nd] die Kaninchenzucht. Ich wurde nach dem Kaffee eingeladen, das Schlachten u[nd] Zubereiten der Hühner mit Maschinen zu besichtigen. Ich tat nur einen kurzen Blick.

Dann war ich mit den Kindern zusammen. Am anhänglichsten ist Jean-Pierre, dann d[ie] 9jährige Marize und d[er] 4jährige Claude, genannt Coquau1. Wir übten deutsch und waren lustig. Die Kinder sind wie die Mutter hellblond und sie könnten für deutsche gelten. Früh schlafen.


  1. Sic! ↩