Nun gibt es etwas mehr Licht, jedenfalls einmal für die Zeit bis zum Herbst 1952 – also bis zur Flucht meines Großvaters in den Westen, nach Hildesheim. Ich habe nämlich den Entwurf zu einem Lebenslauf gefunden, den mein Großvater damals geschrieben hat – wahrscheinlich auf der Suche nach Arbeit in Hildesheim.

Das hilft weiter: Der Entwurf nennt die äußeren Stationen, die Ausbildung in Nürnberg und München, die wichtigsten Lehrer dort (über die Wikipedia jeweils noch mehr weiß). Auch die verschiedenen beruflichen Tätigkeiten bis 1952 sind dem Lebenslauf zu entnehmen. Ich gebe ihn hier einfach im vollen Wortlaut wieder.
„Am 1.12.01 wurde ich als Sohn des Kaufmanns und Fabrikbesitzers Otto Franke in Hüsten/Wf. geboren. In Eisenach, wo mein Vater seit 1905 einem größen Holzmaßwerkzeugbetrieb vorstand und daran beteiligt war, besuchte ich 4 Jahre lang die Volksschule, anschließend bis zum Abitur das Realgymnasium. Gegen den Wunsch meiner Eltern entschloß ich mich zum Kunststudium, mußte aber vorher noch ein Jahr im Betrieb meines Vaters als Kaufmann voluntieren. 1920 besuchte ich die Kunstgewerbeschule Nürnberg. In der Klasse des Prof. Hermann Gradl betrieb ich 1 Jahr lang Naturstudium und ging dann in die Fachklasse des Prof. Rudolf Schiestl über, da ich mich entschlossen hatte, Graphiker bzw. Buchillustrator zu werden. Hier blieb ich 2 Jahre und erlernte neben intensivem Akt- und Entwurfzeichnen die Techniken des Holzschnittes und der Radierung. 1923 wechselte ich nach München über, um an der Kunstgewerbeschule bei Prof. Ehmke mich mit Schrift und Gebrauchsgraphik zu beschäftigen. 1924 besuchte ich zum Abschluß meines Studiums die Klasse Prof. Schinnerers an der Akademie d. bild. Künste München. Während der Semesterferien Studienreisen nach Schweiz, Österreich u. Italien. Ende 1924 schloß ich meine 1. Ehe und übernahm Mitte 1925 die kaufm. u. techn. Leitung eines kleinen kunstgewerbl. Betriebes, den mein Vater inzwischen dazuerworben hatte. Ab 1927 war ich als freischaffender Künstler tätig, nachdem ich mich schon vorher als Illustrator beim Verlag Erich Matthes und dem Dunker-Verlag Weimar betätigt hatte. In diese Zeit fällt auch der Beginn meiner Tätigkeit als Maler. Mit Kriegsbeginn 1939 übernahm ich als Betriebsleiter die technische Leitung der Leistnerwerke, Waltershausen, wurde im Mai 1941 zur Wehrmacht eingezogen, Ende 1941 u.k. gestellt. Bis April 1942 war ich noch als Betriebsleiter in den Leistnerwerken Waltershausen tätig, dann übernahm ich in dem Rüstungsbetrieb Baldeweg u. Co, Görlitz die Stellung eines stellv. Abteilungsleiters für Betriebsabrechnung u. Statistik. Sept. 1942 wurde ich wieder zur Wehrmacht einberufen, kam zum Einsatz auf den Balkan, wo ich bis Kriegsende verblieb. Nach Entlassung aus amerik. Kriegsgefangenschaft kehrte ich wieder nach anfänglicher Arbeit in der Landwirtschaft nach Eisenach zurück, um meine künstlerische Tätigkeit wieder aufzunehmen. Mit Unterbrechungen war ich als Maler bei den Abt. für innerbetriebl. Werbung der Maxhütte Unterwallenborn und BMW Eisenach tätig. Nach Scheidung meiner 1. Ehe im Jahre 1947, heiratete ich im Febr. 1949 zum zweitenmal. Seit 1949 war ich bis zu meiner Flucht aus der Ostzone als Illustrator bei dem Erich Roth Verlag Eisenach tätig.
1.) Hörschwerke Meßwerkzeuge Eisenach Volontär Okt. 1919–Sept. 20
2.) Kunstgewerbeschule Graphiker Nürnberg Student Okt. 20–Juli 23
3.) ” ” München ” Sept. 23–Juli 24
4.) Akademie d.b.K. ” München ” Sept. 24–Juli 25
5.) Franke, Kaiser u. Co Kunstgewerbe Eisenach Betriebsführer Aug. 25–Apr. 27
6.) selbständig Maler u. Graphiker Eisenach Maler u. Graph. Mai 27–Dez. 30
7.) ” ” Nürnberg ” Jan. 31–Dez. 34
8.) ” ” Cobstädt / Gotha. ” Jan. 36–Sept. 39
9.) Leistner-Werke Meßwerkzeuge Waltershausen Betriebsleiter Sept. 39–Mai 41
10.) ” ” ” ” Jan. 42–Apr. 42
11.) Baldeweg u. Co Plattenwerk Görlitz Abt.-Leiter Mai 42–Sept. 42
12.) Max Kummert Landwirtschaft Burgtonna Landw.-Arbeiter Juni 45–Dez. 45
13.) selbständig freischaff. Künstler Eisenach Maler u. Graph. Jan. 46–März 49
14.) Maxhütte Gieß- und Walzwerk Unterwellenborn Werbegraphiker Apr. 49–Juli 49
15.) Erich Roth Verlag Eisenach Buchgestalter Aug. 49–Sept. 52
Holzschnitt
Radierung
figürl.- landschaft. u. dekorative Gestaltung
Aquarell – Tempera – u. Öltechnik
Wandmalerei in Secco
Buchgestaltung und Illustration
Schrift u. gebrauchsgraphische Gestaltung
Fabrikation von Meßwerkzeugen aus Holz, Wasserwagen
Sprachen: Latein, Französ., Engl., Italienisch
Führersch. 1 und 3a
Ref.
Leistnerwerke – Waltershausen/Thür.
Erich Roth-Verlag Eisenach“
Soweit der Lebenslauf bis Herbst 1952. Das ist schon einmal ein Anfang! Das Bild zum Beitrag ist übrigens auf eben dieses Jahr 1952 datiert…