Ich war drei Jahre alt, als mein Großvater starb. Ich kann mich an ihn nicht mehr erinnern; aber mit seinen Bildern bin ich aufgewachsen. Sie hingen überall in unserem Haus. Und noch mehr lagen in Sammelmappen in der kleinen Wohnung meiner Großmutter.
Eine Ordnung gibt es in diesen Mappen nicht. Die Bilder sind jedenfalls weder thematisch noch chronologisch sortiert. Am ehesten mag noch die Größe eine Rolle gespielt haben: Große Bilder gehören eben in großen Mappen, kleine in kleine Mappen. Es ist ein einziges, großes Durcheinander – Skizzen, Entwürfe, Versuche liegen neben und unter Gemälden und Zeichnungen. Signiert hat mein Großvater nur wenig; und datiert leider noch weniger.
Es ist nicht gerade einfach, auch nur einen Überblick über all die Blätter zu gewinnen. Aber ein paar erste Anhaltspunkte zur Biographie habe ich immerhin: Ich weiß, daß mein Großvater 1901 geboren worden ist und 1975 verstarb. Ich weiß, daß er nach dem Ersten Weltkrieg eine Zeitlang in München studiert hat, und zwar wohl an der Akademie der Bildenden Künste. Die ersten Zeichnungen, Stiche, Gemälde stammen aus den 1920er Jahren. Und ich weiß auch, daß er nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst ein paar Jahre in der „Ostzone“ gelebt hat – ich glaube bis 1952 (aber ganz sicher bin ich nicht). Dann ist er nach Hildesheim gezogen.

Im Frühjahr 1954 ist mein Großvater zum ersten Mal nach Frankreich gefahren, mit dem Motorrad übrigens. Dort hat er den Frühling und Frühsommer in der Domaine de Valbrillant verbracht, einem Hof bei dem kleine Ort Meyreuil, der etwa acht Kilometer von Aix-en-Provence entfernt liegt. Auf dieser Reise hat er ein Tagebuch geschrieben – und eine stattliche Reihe von Aquarellen gemalt. Einige davon sind nach seiner Rückkehr im Roemer-Pelizaeus-Museum in Hildesheim ausgestellt worden. (Ob er danach noch einmal irgendwo seine Werke gezeigt hat, weiß ich übrigens schon nicht mehr.)
In den 1950er und 1960er Jahren war er – so glaube ich jedenfalls – einigermaßen regelmäßig über Monate in der Provence, um zu malen. Es gibt Ordner voller Briefe von dort an meine Großmutter, auch eine Reihe von Schwarz-Weiß-Fotos. Die weitere Zeit bis zu seinem Tod liegt im Moment noch in halbwegs dichtem Nebel.
Sehr viel ist das nicht. Aber vielleicht läßt sich ja noch ein bißchen mehr herausfinden…