Eine saukalte Nacht mit Sturm u[nd] Regen ist vorüber. Immer noch Mistral. Ich wasche mich warm im Kückenstall u[nd] bin ungeniert. Eine Wohltat. Wechselnd Regen Sonnenschein. Später fahre ich bis über Bayeux Richtung Antonine u[nd] male. Einmal muß ich wegen Regen unterbrechen u[nd] muß einen Guß über mich ergehen lassen. Etwas verspätet u[nd] durchfroren komme ich zurück. Werde zum Mittagessen eingeladen. Unmöglich, abzuschlagen. Suppe, dann Fleisch m[it] Kartoffeln u[nd] Weißbrot, Brot und Käse, dann Kaffee und kleine Krapfen. Ich kann schon immer besser der allgemeinen Unterhaltung folgen u[nd] habe gar nicht mehr das anfänglich so befremdliche Gefühl einer Isolation. Sehr nett ist auch der junge Knecht Michel, ein Marseiller, mit Sinn für moderne Malerei, excepté Picasso, er ist ihm zu hoch.
Augenblicklich sind die Gemüter bewegt über Indochina u[nd] man findet, man solle dort so schnell wie möglich Schluß machen. Die Bordeauxerin erzählt, daß am Sonntag in Marseille ein Schiff Freiwilliger nach Indochina ab. Meist arbeitslose Jugend. Formitable. Warum sollte es nicht möglich sein, in der ganzen Welt zu entwaffnen u[nd] für alle friedliche Arbeit zu finden. Das fr[an]z[ösische] einfache Volk liebt den Frieden, u[nd] ich habe bisher keinen Chauvinismus finden können, der sicher mehr in den Städten u[nd] in besonderen Schichten zu Hause ist. –
Der Regen strömt aufs Zelt u[nd] ein Gewitter entlädt sich. Also Zeit und Gelegenheit, ein Kind der Bordeauxer zu zeichnen. Die Unterhaltung geht um den Krieg und um persönliche Dinge, in denen sich der einfache Franzose offen gibt. Irgendwie kommen wir dazu, daß ich sage: j’aime mon travail, un peu de tabac, du vin, du caffé et plutôt ma femme1.
Abends ruft mich Michel heraus u[nd] zeigt St. Victoire in Gewitterstimmung mit Abendsonne u[nd] Regenbogen. Eine bei uns unmögliche Intensität der Farbe und Beleuchtung. Früh ins Zelt, es regnet weiter. Übrigens ist der alte Georg abgehauen, der Montgasse. Er wird wiederkommen, wenn der Winter kommt u[nd] sich bis zum nächsten Frühling durchschlagen.
- „Ich liebe meine Arbeit, ein wenig Tabak, Wein, Kaffee und besonders meine Frau.“ ↩