Donnerstag, 27.5.54

Lebe ganz außer der Zeit. Erfahre bei der Abfahrt von Jean Pierre, daß heute Himmelfahrt ist auf meine Frage, warum er heute nicht in der Schule ist. Über Gardane, Mirabeau nach Martigues. Als ich malen wollte, mußte ich feststellen, daß ich die Pinsel vergessen hatte. 50 km gefahren und nicht arbeiten können. Ich finde in der Mappe ein Stück Schwamm. Also mit Schwamm u[nd] Fingern 3 Aquarelle u[nd] noch ein paar Zeichnungen.

Das Bild datiert vom 27.5.1954.
Das Bild datiert vom 27.5.1954.

Brüllende Hitze. Wann ich das Motorrad wieder bestieg, war der Sattel brennend heiß. Das letzte Aquarell konnte ich wegen Wassermangel – der Schwamm u[nd] d[er] Finger verbrauchen viel Wasser – nicht fertigmalen. Zu Haus noch bis 7 Uhr gearbeitet und nun bin ich bei Euch zu Haus, den einzigen, die mir so nahestehen, daß ich sagen kann, ich gehe ganz in Liebe zu ihnen auf. Wenn es mir nur gelingt, ein paar Bilder zu malen, die dir gefallen, Ruthlein, dann bin ich zufrieden. Ich möchte mich hier nicht in Abstraktionen verlieren und suche meine Aufgabe darin, die Farben zu finden, in denen die Sonne hier die Dinge erstrahlen läßt. Was dann daraus wird, das ist erst abzusehen, wenn ich dieses Arbeitstempo u[nd] die Ausschließlichkeit meiner Arbeit fortsetzen kann, das steht bei den Göttern, wäre aber die einzige Möglichkeit, das zu erreichen, was Du Ruth möchtest, nur so kann man das persönliche ausprägen. Man darf nicht den Zusammenhang mit dem vorhergehenden Tag verlieren, sonst steht man jedesmal vor einem neuen Anfang, wenn man nicht nach Rezept malt und schafft. – Heute war natürlich toller Betrieb auf der Landstraße, Martigues, das klein-Venedig der Provence war überfüllt von Ausflüglern. Am neuen Hafen sprach mich ein alter Franzose an, erkannte am Nummernschild des Motorrades, daß ich ein Deutscher war, als ich fließ[end] fr[an]z[ösisch] antwortete, floß seine Rede munter fort u[nd] er konnte die Schönheit seiner Heimatstadt nicht genug preisen. Superbe, dazu die Finger an die Lippen. Die Fahrt war insofern enttäuschend als entflang des Ufers des Etang de berre alles eine große Fremdenindustrie ist, die wirklich schönen Dinge liegen sehr abseits. Dasselbe fürchte ich, wird in noch stärkerem Maß an der Côte d‘Azur der Fall sein. Erst nach Wochen des Aufenthalts geht die Landschaft einer engeren Umgebung ein, darum bin ich froh, hier festzusitzen und werde mir nach u[nd] nach im Durchmesser von 100 km die Landschaft erobern. Die nähere Umgebung hier kenne ich besser als die von Hildesheim.


Dienstag, d[en] 25.5.54

Die letzte Nacht über dem Kuhstall. Heute kommt frisches Heu auf den Boden, ich muß umziehen. In der Nacht um ein Uhr wachgeworden. Ich höre einen Satz, das Fieben1 einer Ratte u[nd] dann rast die Katze mit ihrer Beute durch die Bodentür hinab auf den Hof. Bis Mittag malte ich im Steinbruch bei d[er] Ferme de Roque Hautes. Diese Stille u[nd] Einsamkeit. Nachmittags habe ich geholfen, das Heu einbringen, da Gewitter droht. Geladen u[nd] den Traktor auf dem Feld gefahren. Wir sind zu dritt. Franzose, Italiener, Deutscher. Der Italiener haust in einer cabane am Rande des Besitztumes Arquiers, fällt Holz u[nd] ist Gelegenheitsarbeiter. Il est fou. War in den Kolonien u[nd] hat etwas vom Hafenviertel. Er wird nur Garibaldi gerufen. Über u[nd] über tätowiert. Von Figur ein Knülch. Ich muß mich anstrengen, etwas von seiner Sprache zu verstehen, er spricht viel Patois. Am Abend ziehe ich um dank Michels Einfall über den Hühnerstall. Treppe in die Wand eingelassene Eisen. Ich habe eine kleine Werkstatt daraus gemacht u[nd] bin richtig glücklich.


  1. sic! ↩

Sonntag, 23.5.54

Blauer Himmel und schweres sehnsüchtiges Herz. Komme mir verlassen und einsam vor. Gar kein Mut zum Malen, fahre trotzdem los. Nur nicht auf Landstraßen, die heute von Fahrzeugen wimmelt1.

Das Bild ist auf den 23.5. 1954 datiert.
Das Bild ist auf den 23.5. 1954 datiert.
Das Bild trägt den Titel „la colline“ und datiert vom 23.5.1954
Das Bild trägt den Titel „la colline“ und datiert vom 23.5.1954.

Ich bin zu Hause bei Ruth u[nd] stelle mir alles recht plastisch vor.


  1. sic! ↩

Sonnab[end], den 22.5.54

Bin nun genau 1 Monat in Frankreich u[nd] fange jetzt an, ein wenig vom Wesentlichen der Menschen u[nd] der Landschaft zu erfassen. Auch in der Sprache fange ich an, langsam freier zu werden. Am Nachmittag überkommt mich die Sehnsucht nach Frau u[nd] Kind. Mir ist traurig u[nd] schwer zu Mute, sodaß das Aquarell am Abend total daneben geht.

Das Aquarell datiert vom 22.5.54
Das Aquarell datiert vom 22.5.54

Mich bedrückt auch, daß ich solange nicht geschrieben habe, während Ruth so oft schreibt. Aber meine körperl[liche] Verfassung ist nicht zum besten, doch darf ich davon nicht schreiben. Ich muß durchhalten u[nd] arbeiten. Wer weiß wie es nächstes Jahr mit mir aussieht. Ich fühle irgendetwas Schweres auch mich zukommen.


Freitag, d. 21.5.54

Mit Mr. Arquier in Marseille. Auf dem Weg nichts besonderes. Die Vorstadt ist breit ausgedehnt. Das letzte Stück der Fahrt auf Autobahn nach deutschen Muster. Das Auto ist mit Eiern f[ür] Mars[eiller?] Kundschaft beladen. Zuerst zum mächtigen Bahnhof durch eine riesige Unterführung in der bei amerik[anischem] Bombenangriff hunderte von Menschen auf einmal umgekommen sind, die hier Schutz suchten. Vor dem Bahnhof großes Denkmal, bombastisch wie die meisten fr[an]z[ösischen] Denkmäler für unseren Geschmack unerträglich. Das riecht alles etwas zu sehr nach gloire.

Nun geht es kreuz und quer durch Marseille, von Alimentation zu Alimentation. Ich sehe M[arseille] anders als der Vergnügungsreisende. Ich sehe seine Häßlichkeit die sich nicht unterscheidet von der anderer Industrie- und Hafenstädte.

Das Bild trägt den Titel „Marseille“ und datiert von 1954.
Das Bild trägt den Titel „Marseille“ und datiert von 1954.

Wir fahren ein Stück auf der berühmten Canebière. Der Verkehr ist ungeheuer. Die Verkehrspolizei arbeitet mit nonchalenter1 Sicherheit, verbindlicher und nachsichtiger als bei uns. Wir durchfahren eine gesperrte Straße, am Ausgang Polizei. Ein Disput, voll Temperament und die Angelegenheit ist gelöst ohne Strafmandat. Man ist viel nachsichtiger. Wo wir halten, zeichne ich, Menschen, Häuser, Atmosphäre dieses Treibens u[nd] Hastens. Wir fahren zum Hafen. Mächtige Anlagen der verschiedenen Schiffahrtslinien. Im Handelshafen wird gerade ein Schiff mit Orangen entladen. Auf einem Hügel über der Stadt, dem Notre Dame de la Garde, eine Basilika aus dem vorigen Jahrhundert, auf dem Turm eine riesige Marienstatue, die nachts beleuchtet wird, außerordentlich „geschmackvoll“. Dann der alte Hafen, in dem jetzt Ausflugsboote liegen. Nicht weit die kleine Felseninsel Chateau d’If, wo der Roman Dumas Graf von Monte Christo seinen Anfang nimmt, strahlend im Sonnenschein.

Wir fahren zu einem riesigen Wohnkoloß, den Corbusier errichtet hat. Er steht auf Säulen, unter denen Platz für die Automobile ist. Ringsum alles frei, ein riesiger Platz mit Bäumen, schon etwas außerhalb der eigentlichen Innenstadt. Auf dem Dach Sportplatz, darunter Kino und Kindertheater. Eine kleine Stadt. Die Wohnungen mit 2–3 Zimmern u[nd] Zubehör, natürlich ohne Komfort. Immerhin besser als die Mietskasernen vom Ende des vorigen, Anfang dieses Jahrhunderts, von denen es hier wahre Prachtexemplare gibt, in denen man nicht lebendig begraben sein möchte.

Die Cité radieuse von Le Corbusier in Marseille.
Die Cité radieuse von Le Corbusier in Marseille.

Nein, diese Städte sind nichts für mich, ich ziehe la vie champêtre vor und finde in der ländlichen Einsamkeit der Domaine Valbrillant tiefere Einblicke in die menschl[iche] Seite des fr[an]z[ösischen] Wesens. Menschen kommen und gehen, ich spreche mit ihnen und immer ist es so, daß man als peintre gar nicht so national genommen wird, der einfache Franzose ist viel offener für das Künstlerische als der Deutsche. Man ist peintre und das Herz u[nd] der Mund des anderen tut sich auf, man spricht eine Sprache, die alle Menschen verstehen, man ist seinesgleichen.

Da ist hier der junge Knecht Michèle. Er kennt Picasso, die fr[an]z[ösischen] Modernen, er besucht sonntags mit seiner Braut aus Canet in Aix die Kunstausstellung. Er ist interessiert. Ich habe keinen deutschen Bauernknecht kennengelernt, der die geringste Ahnung von einem modernen deutschen Maler hatte oder besonderes Interesse für Kunst als solche hatte, wie das hier der Fall ist, nicht als Ausnahme. Ein einfacher Bauer bei Fuveau sprach mich an u[nd] freute sich, daß man das malen kann und es sprach daraus die Achtung vor dem Malen als Arbeit, als eine Wirklichkeit.

Man spricht soviel von der Kunst für das Volk, die sie propagieren sind intellektuell schon so verbogen daß ihnen nur noch ein großer Realismus eingeht. Den halten sie für verständlich und setzen ihre phantasielose, kunstlose Vorstellung vom künstlerischen Schaffen a priori für die Vorstellung, die nun der einfache unverbildete Mann aus dem Volke auch haben muß, ja nur haben kann. Der Realismus ist ja so einfach, voraussetzungslos, man serviert Natur mit etwas Stimmung und schon wird es Kunst. Oder es müssen Inhalte sein aus intellektuellen Vorstellungen, die es zu illustrieren gilt, also der Künstler als Illustrator, als Mittel zum Zweck. Ich habe einfache, unverbildete Menschen gefunden, die unmittelbar noch eine Verbindung mit dem wesenhaften des künstlerischen Schaffens hatten. Es sind die, denen noch das Staunen, das staunende Erleben gehört, die es verloren haben, sind schon Opfer der modernen wissenschaftl[ichen] Aufklärung. –

Heimwärts unerwartet Mistral. Ich fühlte mich bald angegriffen u[nd] konnte kaum etwas essen.


  1. Sic! ↩

Mittwoch d. 19.5.

Der Himmel ist noch bedeckt. Ich fahre nach Aix, da Spiritus, Käse u.s.w. alle, um einzukaufen u[nd] mir die Stadt anzusehen. Die Repräsentationsstr. ist Cours de Mirabeau. Ich kaufe auch einen Pinsel, da einen verloren.

Die Skizze trägt die Bezeichnung „Aix 1954“
Die Skizze trägt die Bezeichnung „Aix 1954“

Mittag zurück. Am Nachmittag ein Aquarell begonnen.

Das Aquarell ist nicht tagesscharf datiert, aber trägt den Titel „Aix“.
Das Aquarell ist nicht tagesscharf datiert, aber trägt den Titel „Aix“.

Das Wetter noch zu unsicher, um hinauszufahren.

Am Nachmittag einen Ostpreußen kennengelernt, Fritz, der als Kriegsgefangener hier hängengeblieben und in Aix beschäftigt ist. Arbeitet in Landwirtschaft.


Dienstag, d[en] 18.5.54

Immer noch Regen und kein Ende. Ich wasche, stopfe u[nd] flicke. Meine Schuhe muß ich gründlich vornehmen. Am Nachmittag wird es heller, am Abend scheint sogar die Sonne. Ich male Chantalle fertig. Gegen Abend nach Pont de Bayeux, um etwas einzukaufen. Die Straße ist bis zur Brücke v[on] Canet unter Wasser. Ich ziehe die Beine hoch, bin aber trotzdem naß.


  1. Es finden sich also zwei EInträge unter diesem Datum hintereinander! ↩