Mit Mr. Arquier in Marseille. Auf dem Weg nichts besonderes. Die Vorstadt ist breit ausgedehnt. Das letzte Stück der Fahrt auf Autobahn nach deutschen Muster. Das Auto ist mit Eiern f[ür] Mars[eiller?] Kundschaft beladen. Zuerst zum mächtigen Bahnhof durch eine riesige Unterführung in der bei amerik[anischem] Bombenangriff hunderte von Menschen auf einmal umgekommen sind, die hier Schutz suchten. Vor dem Bahnhof großes Denkmal, bombastisch wie die meisten fr[an]z[ösischen] Denkmäler für unseren Geschmack unerträglich. Das riecht alles etwas zu sehr nach gloire.
Nun geht es kreuz und quer durch Marseille, von Alimentation zu Alimentation. Ich sehe M[arseille] anders als der Vergnügungsreisende. Ich sehe seine Häßlichkeit die sich nicht unterscheidet von der anderer Industrie- und Hafenstädte.

Wir fahren ein Stück auf der berühmten Canebière. Der Verkehr ist ungeheuer. Die Verkehrspolizei arbeitet mit nonchalenter1 Sicherheit, verbindlicher und nachsichtiger als bei uns. Wir durchfahren eine gesperrte Straße, am Ausgang Polizei. Ein Disput, voll Temperament und die Angelegenheit ist gelöst ohne Strafmandat. Man ist viel nachsichtiger. Wo wir halten, zeichne ich, Menschen, Häuser, Atmosphäre dieses Treibens u[nd] Hastens. Wir fahren zum Hafen. Mächtige Anlagen der verschiedenen Schiffahrtslinien. Im Handelshafen wird gerade ein Schiff mit Orangen entladen. Auf einem Hügel über der Stadt, dem Notre Dame de la Garde, eine Basilika aus dem vorigen Jahrhundert, auf dem Turm eine riesige Marienstatue, die nachts beleuchtet wird, außerordentlich „geschmackvoll“. Dann der alte Hafen, in dem jetzt Ausflugsboote liegen. Nicht weit die kleine Felseninsel Chateau d’If, wo der Roman Dumas Graf von Monte Christo seinen Anfang nimmt, strahlend im Sonnenschein.
Wir fahren zu einem riesigen Wohnkoloß, den Corbusier errichtet hat. Er steht auf Säulen, unter denen Platz für die Automobile ist. Ringsum alles frei, ein riesiger Platz mit Bäumen, schon etwas außerhalb der eigentlichen Innenstadt. Auf dem Dach Sportplatz, darunter Kino und Kindertheater. Eine kleine Stadt. Die Wohnungen mit 2–3 Zimmern u[nd] Zubehör, natürlich ohne Komfort. Immerhin besser als die Mietskasernen vom Ende des vorigen, Anfang dieses Jahrhunderts, von denen es hier wahre Prachtexemplare gibt, in denen man nicht lebendig begraben sein möchte.


Nein, diese Städte sind nichts für mich, ich ziehe la vie champêtre vor und finde in der ländlichen Einsamkeit der Domaine Valbrillant tiefere Einblicke in die menschl[iche] Seite des fr[an]z[ösischen] Wesens. Menschen kommen und gehen, ich spreche mit ihnen und immer ist es so, daß man als peintre gar nicht so national genommen wird, der einfache Franzose ist viel offener für das Künstlerische als der Deutsche. Man ist peintre und das Herz u[nd] der Mund des anderen tut sich auf, man spricht eine Sprache, die alle Menschen verstehen, man ist seinesgleichen.
Da ist hier der junge Knecht Michèle. Er kennt Picasso, die fr[an]z[ösischen] Modernen, er besucht sonntags mit seiner Braut aus Canet in Aix die Kunstausstellung. Er ist interessiert. Ich habe keinen deutschen Bauernknecht kennengelernt, der die geringste Ahnung von einem modernen deutschen Maler hatte oder besonderes Interesse für Kunst als solche hatte, wie das hier der Fall ist, nicht als Ausnahme. Ein einfacher Bauer bei Fuveau sprach mich an u[nd] freute sich, daß man das malen kann und es sprach daraus die Achtung vor dem Malen als Arbeit, als eine Wirklichkeit.
Man spricht soviel von der Kunst für das Volk, die sie propagieren sind intellektuell schon so verbogen daß ihnen nur noch ein großer Realismus eingeht. Den halten sie für verständlich und setzen ihre phantasielose, kunstlose Vorstellung vom künstlerischen Schaffen a priori für die Vorstellung, die nun der einfache unverbildete Mann aus dem Volke auch haben muß, ja nur haben kann. Der Realismus ist ja so einfach, voraussetzungslos, man serviert Natur mit etwas Stimmung und schon wird es Kunst. Oder es müssen Inhalte sein aus intellektuellen Vorstellungen, die es zu illustrieren gilt, also der Künstler als Illustrator, als Mittel zum Zweck. Ich habe einfache, unverbildete Menschen gefunden, die unmittelbar noch eine Verbindung mit dem wesenhaften des künstlerischen Schaffens hatten. Es sind die, denen noch das Staunen, das staunende Erleben gehört, die es verloren haben, sind schon Opfer der modernen wissenschaftl[ichen] Aufklärung. –
Heimwärts unerwartet Mistral. Ich fühlte mich bald angegriffen u[nd] konnte kaum etwas essen.
- Sic! ↩