Lebe ganz außer der Zeit. Erfahre bei der Abfahrt von Jean Pierre, daß heute Himmelfahrt ist auf meine Frage, warum er heute nicht in der Schule ist. Über Gardane, Mirabeau nach Martigues. Als ich malen wollte, mußte ich feststellen, daß ich die Pinsel vergessen hatte. 50 km gefahren und nicht arbeiten können. Ich finde in der Mappe ein Stück Schwamm. Also mit Schwamm u[nd] Fingern 3 Aquarelle u[nd] noch ein paar Zeichnungen.

Brüllende Hitze. Wann ich das Motorrad wieder bestieg, war der Sattel brennend heiß. Das letzte Aquarell konnte ich wegen Wassermangel – der Schwamm u[nd] d[er] Finger verbrauchen viel Wasser – nicht fertigmalen. Zu Haus noch bis 7 Uhr gearbeitet und nun bin ich bei Euch zu Haus, den einzigen, die mir so nahestehen, daß ich sagen kann, ich gehe ganz in Liebe zu ihnen auf. Wenn es mir nur gelingt, ein paar Bilder zu malen, die dir gefallen, Ruthlein, dann bin ich zufrieden. Ich möchte mich hier nicht in Abstraktionen verlieren und suche meine Aufgabe darin, die Farben zu finden, in denen die Sonne hier die Dinge erstrahlen läßt. Was dann daraus wird, das ist erst abzusehen, wenn ich dieses Arbeitstempo u[nd] die Ausschließlichkeit meiner Arbeit fortsetzen kann, das steht bei den Göttern, wäre aber die einzige Möglichkeit, das zu erreichen, was Du Ruth möchtest, nur so kann man das persönliche ausprägen. Man darf nicht den Zusammenhang mit dem vorhergehenden Tag verlieren, sonst steht man jedesmal vor einem neuen Anfang, wenn man nicht nach Rezept malt und schafft. – Heute war natürlich toller Betrieb auf der Landstraße, Martigues, das klein-Venedig der Provence war überfüllt von Ausflüglern. Am neuen Hafen sprach mich ein alter Franzose an, erkannte am Nummernschild des Motorrades, daß ich ein Deutscher war, als ich fließ[end] fr[an]z[ösisch] antwortete, floß seine Rede munter fort u[nd] er konnte die Schönheit seiner Heimatstadt nicht genug preisen. Superbe, dazu die Finger an die Lippen. Die Fahrt war insofern enttäuschend als entflang des Ufers des Etang de berre alles eine große Fremdenindustrie ist, die wirklich schönen Dinge liegen sehr abseits. Dasselbe fürchte ich, wird in noch stärkerem Maß an der Côte d‘Azur der Fall sein. Erst nach Wochen des Aufenthalts geht die Landschaft einer engeren Umgebung ein, darum bin ich froh, hier festzusitzen und werde mir nach u[nd] nach im Durchmesser von 100 km die Landschaft erobern. Die nähere Umgebung hier kenne ich besser als die von Hildesheim.