Sonntag, den 16.5.54

Ein feuchtes Erwachen. Es hat die ganze Nacht in Strömen gegossen u[nd] etwas Wasser ist am1 Zeltboden. Sofort alles untersucht. Gottseidank nichts verdorben. Aber unangenehm die Feuchtigkeit, kein Sonntagmorgen. Dabei keine Aussicht auf Besserung. An irgendeinem stillen trockenen Platz werde ich trotzdem arbeiten, vorher aber noch einiges am Zelt dicht machen. Ein Wetter um heimzudenken.

Das Wasser fließt in Strömen u[nd] dabei decke ich das Zelt ab. Meine fertigen Aquarelle habe2 bei A[rquier] eingestellt. Mr. A[rquier] bietet mir den Heuboden an. Ich ziehe um und stelle beim Räumen erst fest, daß ich auf einer Wasserpfütze geschlafen habe. Alles ist durchfeuchtet. Bis ich fertig bin, ist es Mittag. Nun schlafe ich über der Kuh, neben dem Zimmer des Knechtes Michel. Mittagessen bei Arquiers. Nudeln mit einer Art Gulasch, dazu Weißwein. Vorm Kaffee eine Art Malaga. Ich bin mit den Gedanken zu Hause u[nd] wenn ich die kleine Chantalle sehe, dann wird ein wenig Suse gegenwärtig. Ich skizziere ein wenig in meiner neuen Residenz, dann lerne und lese ich fr[an]z[ösisch].

Die Bleistiftzeichnung eines Porträts von Claude Arquier ist auf den 16.5.1954 datiert. Offenbar hat Kurt Franke ihn auf dem Heuboden gezeichnet.
Die Bleistiftzeichnung eines Porträts von Claude Arquier ist auf den 16.5.1954 datiert. Offenbar hat Kurt Franke ihn auf dem Heuboden gezeichnet.

  1. Dahinter „stellenweise“ (?) ↩
  2. Dahinter fehlt „ich“. ↩

Sonnabend, d[en] 15.5.54

Es regnet. Ich schreibe den Brief an Ruth fertig, bessere meine Sachen aus. Wind u[nd] Regen werden immer stärker immer stärker. Am Nachmittag das Portrait der kleinen Nicolette fertiggemacht. Frau Saletti gibt mir zum Abend eine gute Bouillon. An einem trockenen Platz in der Garage noch etwas gemalt und mit meiner Sehnsucht nach Ruth u[nd] Suse gekämpft. Abends im Zelt fr[an]z[ösisch] gearbeitet. Es regnet Bindfäden.


Freitag, 14.5.54

Heute über Miniet (?) – Gardane. Es ging hoch in die Berge. Das Wetter war den ganzen Tag unsicher u[nd] von der Höhe sah man das Wetter um die Ste Victoire zusammenziehen.

Das Bild ist nur auf 1954 datiert, ob Kurt Franke es an diesem Tag gemalt hat, ist unklar.
Das Bild ist nur auf 1954 datiert, ob Kurt Franke es an diesem Tag gemalt hat, ist unklar.

Zu Mittag von A[rquier] geholt zum Essen. Es gab provencal[isches] Gericht …1, mit Ei, Mayonnaise, Knoblauch (der mir aber schwer im Magen lag und den ganzen Nachmittag versaute) Pellkartoffeln, Brot, Wein, Fisch, Orangen, Kaffee. Das ist mir zu viel u[nd] zu schwer. Am liebsten ist mir mein primitiver Fraß, der mir keine Beschwerden verursacht: Nudeln, Reis, Kartoffeln, sonst Brot, Margarine, manchmal mit Käse u[nd] Wein.

Seit 3 Wochen lebe ich nun bei Sonne, Regen u[nd] Wind im Zelt und entbehre keinen Komfort. Alle Dinge haben ihren festen Platz u[nd] sind […]2 zu finden. Mein Malbrett ist nachts mein Tisch für die Kerze, um im Liegen noch zu schreiben, dazwischen liegen meine fertigen Arbeiten die sich Tag für Tag mehren u[nd] jetzt schon 50 überschritten haben. Ich bin glücklich, aber nicht zufrieden. Manchmal hebe ich einen Zipfel Provence. Wenn ich es aber habe, dann sind mir alle Stücken gleichwichtig u[nd] Dich Ruthlein dürfte der Weg interessieren.

Heute habe ich noch am Abend wegen der Kücken das Zelt verlegt. Am alten Platz würde ich fast aufgefressen. Hoffentlich wird es nun besser. Erschöpft u[nd] schlafe bald ein. Kopfschmerzen.


  1. Auslassungspunkte im Text, vielleicht, um später noch den Namen nachzutragen? ↩
  2. Unleserlich. ↩

Donnerstag 13.5.54

Am Nachmittag eine kleine Bekanntschaft. Ich sitze hinter Meyreuil auf der Höhe unterhalb der Straße mit Blick nach Gardane.

Werde von Motorradfahrer angesprochen, der mich um einen Schraubschlüssel bittet, da sein Vergaser aussetzt. Ich kann ihm helfen. Er ist ein Korse, der im Schacht von Meyreuil arbeitet. Als ich vorsichtig verrate, daß ich Deutscher bin, ist er begeistert. Die Korsen hätten nichts gegen die Deutschen, trotz Besetzung. Wir Korsen sind keine Franzosen, aber auch keine Italiener, mit denen wir in Gegnerschaft leben. Während der Besatzung seien viele von ihnen im Lagnis (?) getötet worden. Im Gegensazu zu den Franz[osen] seien die Korsen viel gastfreundlicher u[nd] hilfsbereit, sofern man sie u[nd] ihre Sitten achtet. Gegen die Amerikaner große Abneigung u[nd] Hass, wegen ihrer Flegelhaftigkeit u[nd] Rücksichtslosigkeit bei der Befreiung. Es gab Mord u[nd]Totschlag. Er war sehr treuherzig u[nd] hätte sich noch lange unterhalten, wenn ich wegen meiner Arbeit nicht Schluß gemacht hätte.

Am Abend müde u[nd] schlapp, manchmal habe ich das Empfinden, Fieber zu haben. Morgens etwas Halsschmerzen. Ich muß Ruthlein schreiben u[nd] kann nicht, weil mir die Kraft fehlt. Vielleicht lebe ich auch etwas zu dirftig, aber mein Geld muß reichen. Jetzt gebe ich wöchentlioch ca. 1200 frcs aus, das sind ca. 15,- Mk. bei Preisen, die hier ca. 20 % höher liegen als in Deutschland. Am Tag aber muß ich malen, um mein Soll zu erfüllen. Vielleicht halte ich einmal Sonntag ein.

Aber was ich hier schreibe, ist ja alles nur für das Ruthlein wie die Briefe. Nicht böse sein Ruthlein, aber manchmal bin ich (oder oft) müde, daß ich schlafen möchte, ohne wieder aufzuwachen.


Mittwoch 12.5.54

Nach Fuveau. Wieder ein Brief von Ruth. Der Hausbau hängt mir bei der Entfernung zum Hals heraus. Am liebsten gar nicht wieder nach H[ildes]h[ei]m zurück und mit den meinen an einen südlicheren Platz. Ich mache keine Botengänge mehr, nicht mehr den Scheuerlumpen anderer, meine Zeit ist mir kostbarer als die eines Bank- oder Seidenfabrikdirektors. Es ist nie die Rede davon gewesen, daß ich Malerarbeiten mache, lediglich von Scrafitto im Aufgang. Doch das fällt ohnehin flach, da kaum die Mittel da sind, dafür die Wände herzurichten. Diese Behauptung ist eine große Lumperei, in dieses Haus will ich nicht, lieber im Zelt überwintern. Fort von Hildesheim.

Abends Gewitter.1


  1. Dies ist ein Nachtrag, nachdem der Eintrag zum nächsten Tag bereits geschrieben war. ↩

Dienstag 11.5.54

Wetter noch unsicher. Ste Victoire vor Nebel nicht zu sehen. Habe einige notwendige Arbeiten (Strümpfewaschen, Gepäckträger) vorzunehmen u[nd] Besorgungen in Aix zu machen. Fahre mit A[rquier], diesmal über Meyreuil. In der Ferne liegt Gardane. A[rquier] zeigt mir Besitz eines Schwagers, der sich hier niedergelassen hat, weil ihm die Provence ans Herz gewachsen ist. Nur mit Notwendigsten angefangen u[nd] schlägt sich durch. Ist aber unter der Provencesonne glücklich.

Die Sonne ist das Schicksal des Provencalen. Ein kurzer Winter von 14–30 Tagen bannt in die Wohnung, dann spielt sich alles Leben wieder draußen ab. Daher legt man im Sinne der Deutschen keinen Wert auf Zustand und Ausstattung einer Wohnung in der breiten Masse. Man hockt in der Haustür, vor dem Haus, man hat viel mehr Zeit als Luxus. Die Straßen sind belebter als bei uns, meist auch enger und dadurch schattig. Alle großen und kleinen Nachlässigkeiten werden begründet mit C’est le soleil. Und sie brennt wirklich unbarmherzig, bei Windstille fast unerträglich. Dazu die „moustiques“, das doppelte und dreifache Format unserer Mücken, die einen auffressen. Ich bin maßlos gestochen und weiß abends vor Jucken nicht wohin.

In Aix im Monoprix eingekauft. Sah zum ersten Mal einen alten bärtigen Algerier, bescheiden u[nd[ lächelnd. Wie ich dann hörte, lange in Aix wohnhaft, sein Sohn ist Lehrer geworden. Erstaunlich wie viel blonde Menschen. Hausfrauen machen genauso bieder ihre Einkäufe am Morgen wie bei uns.

Heimwärts deutschen Wagen getroffen. Nachmittags noch einmal fort zum Malen, aber ein aufsteigendes Gewitter trieb mich in die Flucht.


  1. Interessanterweise finden sich in der Tat zwei Eintrag zu diesem Datum. Ob es bedeutet, daß Kurt Franke manche Einträge aus der Erinnerung schrieb, nicht tagesaktuell? ↩

Dienstag, 11.5.54

Nach Fuveau. Da ist es herrlich, typ[isches] Provencestädtchen. Mittag 2 Briefe von Ruth.

Wie bin ich froh, nicht in H[ildeshei]m zu sein. Meine Nerven hatten nicht mehr mitgemacht, da ich durch alle Arbeitsbehinderung micht1 restlos in ohnmächtiger, stauender […]2 verzehrt hätte. Bis jetzt habe ich alles still in mich hineinfressend ertragen. Vielleicht ist das Viele ein Grund meiner Schweigsamkeit. Ich wollte niemanden vor den Kopf stoßen. Wenn ich sage, was ich denke, werde ich Ruhe vor allen haben und grob gelten. Aber so gelte ich unehrlich, wenn einmal die Kehrseite der Medaille zum Vorschein kommt. Und schon diese Flucht in Arbeit ist Kehrseite. Ja darf ich denn nicht wie jeder freie Mensch, mich den Notwendigkeiten meiner Arbeit widmen, die für mich einen so ernsten Sinn hat wie die eines gerissenen Kaufmannes, dem man es umgekehrt übel nehmen würde, wenn er seine Arbeit vernachlässigte. Nur weil sie totsicher Geld bringt, das Maß der Dinge u[nd] des Menschen der Gegenwart. Daß einst auch das Opfer ein Maß sein kann, ja sein muß, daß3 geht den Praktikern nicht ein.

Verhärtung = Kontur = Gegenwart. Fließendes = Metamorphose = Zukunft. Dahin möchte ich kommen. Verwirklichung der Metamorphose im Bild [und] Glanz. Ich muß jetzt das Motiv überwinden u[nd] réaliser was ich im Blute spüre, wie eine Sehnsucht worüber man erst Worte finden kann, wenn man es beim Zipfel hat. Ich muß etwas ganz Neues heimbringen und ohne Zeit nur Möglichkeit haben, das monatelang ausschließlich zu verfolgen. Dazu helfe uns Gott. Möchte Ruth einsehen, daß mit den Stücken hier erst ein Anfang gesetzt ist und es nun darauf ankommt, dem Erleben Form und Gestalt zu geben, dann erst ausstellen. Unausgesetzt über mich wachen, daß ich ungestört arbeite, arbeite für sie. Ich kenne die Opfer u[nd] weiß, daß es nur mit Ruth geht u[nd] was ich ihr schulde. –

Am Abend ein hübsches Gewitter. Das geht hier schneller als bei uns. Vom ersten Grollen bis zur Entladung braucht es nur kurze Zeit und man tut gut, wenn man draußen ist, schnell zu verschwinden. Während des Gewitters u[nd] weil meine Kerzen zu Ende waren bei Arquiers. Als ich wieder ins Zelt kam, hat mir wieder ein Vieh meine Margarine entführt. Morgen kommt alles unter Verschluß. Mit Ruth u[nd] Suse einschlafen.

  1. Sic! ↩
  2. Nicht zu entziffern. ↩
  3. Sic! ↩

Sonntag 9.5.54

Ohne Frühstück los und gemalt.

Das Bild ist auf den 9. Mai 1954 datiert.
Das Bild ist auf den 9. Mai 1954 datiert.

Es ist maßlos heiß u[nd] ich bin schon ganz schwarz gebrannt. Mme. Satel[…]1 meint, wenn ich heimkomme, sei ich ein Neger.

Meine Tageseinteilung ergibt sich von selbst. Morgens 6 Uhr fort bis Mittag. Am Nachmittag Überarbeitung der Skizzen. Am Abend wieder fort und wenn ich im Zelt liege, bin ich hundemüde. Es reicht gerade noch, um heimzudenken. Heute abend war ich Satellis. Wir haben uns bis 11 Uhr unterhalten.


  1. Die letzten zwei oder drei Buchstaben des Wortes sind unleserlich; gemeint ist aber „Satelli“ (vgl. unten). ↩