Unter den alten Schwarz-Weiß-Negativen, die mein Großvater hinterlassen hat, findet sich auch eine Serie mit Aufnahmen von Gemälden. Sie stehen auf der Staffelei (nicht notwendigerweise richtigherum) im Cabanon auf der Domaine de Valbrillant.
Nicht alle diese Bilder habe ich gefunden. Aber einige gibt es durchaus:
Oder dieses Pärchen hier:
Das Problem ist nun: Manche dieser Bilder sind heute signiert. Einige sind auf diese Weise in das Jahr 1956 datiert, andere aber auch in eines der folgenden Jahre; das späteste stammt von 1959. Zuerst habe ich deshalb gedacht, die Fotos müssen dann wohl allesamt frühestens 1959 aufgenommen worden sein – und die Bilder jahrelang im kleinen Cabanon in Frankreich geblieben. Aber inzwischen denke ich, es ist komplizierter.
Dieses Bild hier ist signiert und auf 1959 datiert:
Kurt Franke 1959
In der alten Aufnahme fehlt die Datierung unten links allerdings noch:
Genauso verhält es sich auch bei den übrigen Bildern auf den Fotos. Sie sind nicht signiert. Aber mehr noch: Zumindest manche haben sich zwischen dem Foto und heute auch noch ein bisschen verändert:
Zwei Vögel in Schwarz-Weiß fotografiert
Das Bild ist heute unten rechts auf 1957 datiert. Es trägt außerdem einen Titel: „Begegnung“. Und das Gefieder der Vögel hat Flecken bekommen, der rechte Vogel auch ein Auge…
Ich denke also: Die Fotos zeigen nur einen Zwischenzustand. Manche Bilder sind so geblieben. Andere dagegen hat mein Großvater erst Jahre später zuende gemalt – und dann eben auch erst signiert.
Manche Bilder hat mein Großvater nach einiger Zeit „weitergemalt“. Damit meine ich nicht, dass sie eine Weile unfertig liegen geblieben sind. Auch so etwas gab es natürlich. In den Mappen finden sich bis heute auch noch manche Stücke, die einfach nie fertig geworden sind – wie zum Beispiel dieses hier:
Wenn man das Bild in die Hand nimmt, sieht man gleich, dass hier erst wenige Farbschichten aufgetragen sind. Kurt Franke hat es schlicht nicht fertiggemalt.
Andere Bilder dagegen hat er signiert und datiert. Sie müssen ihm abgeschlossen erschienen sein. Sie hingen teils auch eine Weile in der Hildesheimer Wohnung, wie man aus alten Fotos erkennen kann – wie zum Beispiel dem hier, das meine Großmutter in Hildesheim zeigt:
Ruth Franke Mitte der 1950er Jahre in der Hildesheimer Wohnung
Es geht nicht um den Vierbeiner, sondern um das abstrakte Bild ganz rechts. Dieses Bild gibt es heute noch; aber mein Großvater hat es Ende der 1960er Jahre übermalt, neu signiert und auf 1969 datiert.
Kurt Franke 69
Der Hintergrund ist komplett umgestaltet; auch die kleeblattförmige Struktur im Inneren des schwarzen Kreises scheint mir neu hinzugekommen zu sein.
Die Farbe ist durch das Übermalen nun allerdings so dick aufgetragen, dass sie an manchen Stellen abblättert. Darunter kommen die älteren Schichten zum Vorschein:
Ich weiß übrigens nicht recht, wie ich mit solchen Schäden umgehen soll. Derlei Übermalungen finden sich allerdings auch sonst. Manchmal sieht man noch eine ältere Signatur durchschimmern. Das trifft zum Beispiel hier zu:
Die letzte Signatur unten links ist deutlich zu erkennen. Wenn man genau hinschaut, sieht man allerdings etwas oberhalb (neben dem weißen Rechteck) auch noch die ältere, übermalte Signatur:
Von der Domaine de Valbrillant gelangt man über die D96 nach Süden zum beschaulichen Örtchen Fuveau: Der Weg ist kurz, nach 7 oder 8 km ist man am Ziel. Der Blick von dort auf die Sainte-Victoire ist erhaben weit.
Die Sainte-Victoire (von Fuveau aus gesehen)
Mein Großvater war mehrfach in Fuveau. Ein erstes Bild entstand schon auf seiner Reise 1954.
Fuveau (Kurt Franke, 22. Mai 1954)
Die Kirche Saint-Michel, die man hier im Hintergrund sieht, krönt den Ort bis heute. Sie liegt auf dem höchsten Punkt.
Die Église Saint-Michel in Fuveau
Ein bisschen später hat mein Großvater auch sie ins Bild gesetzt. (Es ist aber recht kleinformatig und füllt nicht einmal ein DIN A4-Blatt aus.)
Es ist sehr lange her, dass ich hier etwas Neues gezeigt habe. Aber nun habe ich Ferien und ein bisschen Zeit. Zum Auftakt gibt es ein weiteres Bild, eines von 1960, das mir sehr gut gefällt: Ich nenne es mal „Blaue Amöbe“.
Meine Großmutter war Scheiderin. Es gibt ziemlich viele Bilder und Skizzen meines Großvaters, deren Grundstruktur aus vielen kleinen Strichen mit Köpfchen entwickelt ist. Sie erinnern mich an die Nadelhäuflein in der Werkstatt meiner Großmutter (obwohl es sicherlich eine viel bessere kunsthistorische Erklärung gäbe…).
Ich zeige hier einfach eine bunte, ziemlich willkürliche Auswahl von Stecknadelbildern.
Paul Cézanne hat den Berg gleich 87 Mal ins Bild gesetzt. Mein Großvater hatte ihn von seinem Cabanon auf der Domaine de Valbrillant aus jederzeit im Blick:
Kurt Franke auf der Domaine de Valbrillant, ca. 1956
Le cabanon und die Sainte-Victoire
Nicht ganz so häufig wie Cézanne, aber doch immer wieder hat auch mein Großvater den Berg gemalt. Manchmal ganz klassisch in Tempera:
Und weil bald Ostern ist, kommt hier noch „Häschen in der Grube“ (so der Titel, der unterhalb dieses kleinen Bildes auf dem Passepartout steht). Das Häschen hing früher in meinem Kinderzimmer…
In seinen Briefen an seine Frau beschrieb Kurt Franke das Malen als Arbeit: körperlich und geistig herausfordernd, viele Stunden am Tag, bis zur Erschöpfung.
Ein wesentlicher Teil dieser Arbeit waren immer neue Versuche zu einer Form, einem Farbraum, einer Idee. Tatsächlich finden sich in den Mappen Dutzende solcher Versuche, die mein Großvater aufbewahrt hat. Ich zeige hier eine kleine Auswahl. Sie stammen aus einer Mappe, die 225 solcher Skizzen enthält…