Sonntag 25.4.54

6 Uhr auf. Das Wetter noch trübe, scheint aber zu werden. An der Rhone Morgenwäsche, mit Angler gewartet. Der Mistral weht kalt. Noch reizt mich nichts zum Malen, also weiter nach Süden und einige km vor Orange bin ich in der Provence. Der Charakter der Landschaft ändert sich, die Vegetation ist weiter. In den Städtchen u[nd] Städten Mordssonntagnachmittagbetrieb. Es wimmelt von Menschen. Sie sitzen im freien vor den Kaffees. Hinter Orange finde ich etwas zum Malen. 2 Aquarelle.

Eines der beiden Aquarelle ist noch erhalten. Es ist auf Mornas, 25.4.54 datiert.
Eines der beiden Aquarelle ist noch erhalten. Es ist auf Mornas, 25.4.54 datiert.
Ein Foto von 2013 – Google Streetview.
Ein Foto von 2013 – Google Streetview.

Auf der Weiterfahrt nach Avignon finde ich keinen Campplatz. Es wimmelt heute von Automobilen, der Zug reißt auf der Landstraße nicht ab. Als ich am Vormittag mir in einem kleinen Ort ein paar Apfelsinen gekauft hatte, mußte ich lange warten bis es mir gelang, wieder über die Straße zu kommen. Man fährt mit Temperament. Übrigens sind alle Lebensmittelgeschäfte in Frankr[eich] auch Sonntagvormittags geöffnet. So wie die Häuser hier im Süden schon äußerlich einen ungepflegten Eindruck machen, in den oft sehr engen Gassen ein eigenartiger Duft entströmt, der auch den Wohnungen eigen ist, so darf man an die Ordnung und Gepflegtheit der Läden nicht in unserem Sinn hohe Ansprüche stellen. Hygiene wird kleingeschrieben. Auf den Hauptstraßen der größeren Städte finden sich natürlich beste Läden. Aber wenn man preiswert kaufen will, geht man in einen Laden „Alimentation“, wo man alles bekommt, außer Automobilen. –

Schon km. vor Avignon fährt man durch besiedelte Straße, fährt durch eine Bahnunterführung, und ist in Avignon. Entlang an alter fester Mauer. Es ist gegen 6 Uhr. Als ich in die Hauptstraße in Richtung palais des papes einbiege, ein für unsere Vorstellung unheimlicher Betrieb in der Straße. Man fragt sich, wie da durchkommen, ohne jemanden zu überfahren. Kurzer Aufenthalt am Papstpalast, dann hinunter zur Rhonebrücke auf Suche nach Zeltplatz. Der Verkehr auf der engen Brücke am Sonntagabend ist unvorstellbar. Gleich am Ende der Brücke ein kleiner Campplatz unter Aufsicht. Ich bin froh als ich im Zelt stecke.

Es sind wieder 2 Schweizer da. Ein Ehepaar aus frz. Schweiz mit altem DKW. Er sieht aus wie Gelehrter oder Pfarrer, eine Richter-Type.


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